Heddemer Käwwern (Heddernheimer Käwwern-Gesellschaft)

Nach dem Ableben von Lehrer Bender, löste sich die periodische Carneval-gesellschaft „Brennnessel“ auf und es lag feierliche Stille auf den heimatlichen Fluren. Heddernheim hatte seine Fastnacht, die jungen Leute ihren höchsten Feiertag verloren. Sie ließen die Köpfe hängen. Ihre Augen waren verschleiert.

So steht in der Chronik der Käwwern geschrieben:

„So saßen denn auch wieder einige dieser Bedauernswerten am Heddemer Nach-Kerwe-Montag-Abend (3. Wochenende im September) im Garten des „Römer-Kastell“, alias „Rote Männche“. zum besseren Verständnis – damals dauerte die Kirchweih noch volle 8 Tage. Die feierliche Beerdigung der „Kerb“ war von den Genannten mit besorgt worden und sie saßen nun in trauriger Rührung, ähnlich dem „Hannibal auf den Trümmern Karthagos“ da. Sie gedachten mit unsäglicher Wehmut, dass es nun ein volles Jahr dauerte, bis sie sich wieder mal so richtig austoben konnten. Plötzlich rief einer von ihnen: „Ich habb`s! Ich habb`s! merr mache widder e Fassenacht, merr gründe en Fastnachts-Verein!“. Ein Blitz aus heiterem Himmel hätte nicht besser zünden können, als dieser einfache Ausruf. Alles von den anderen Tischen kam auf den Ausrufer zugestürzt. Man umringte den Heilsverkünder, hob ihn auf die Schultern und ließ ihn hochleben. Und fünf Minuten später war der neue Fastnachtsverein geboren.

In der ersten Zusammenkunft der 43 Gründungsmitglieder am 5. Oktober 1881 wurde die Gründung beschlossen und der Verein auf dem Namen „Heddernheimer Käwwern-Gesellschaft“ getauft.
Die Gesellschaft sollte eine „periodische“ sein und jeweils nach Neujahr die ersten Mitglieder-Versammlung stattfinden. Dazu kamen am 1.Januar die obligatorischen, närrischen Montagsversammlungen, in denen auch die Vorbereitungen für den Fastnacht-Dienstag getroffen wurden.

Der Vereinsname änderte sich in der Zeit, als alle Firmen anfingen, sich mit Abkürzungen zu präsentieren. Aus dem alten Taufnamen wurde ganz ein einfach „Heddemer Käwwern“.
Die närrische Tradition der Heddernheimer Fastnacht wurde von den Heddemer Käwwern natürlich so fortgesetzt, wie es in den vorherigen Jahren üblich war.

Fastnacht-Dienstag Mittag war die Hauptsache das Festspiel mit dem anschließenden Fastnachts-Umzug. Frühmorgens wurden die Heddernheimer Bürger musikalisch geweckt und auf den großen Tag vorbereitet. Und dann strömten die närrischen Heerscharen zum Festspiel auf die Wiesen.Kaewwern 1883

War dieses vorüber, setzte sich der Fastnachtszug in Bewegung und defilierte durch die Straßen des Ortes, begeistert begrüßt vom närrischen Volk aus nah und fern. Und wenn dann die vielen Wagen und Wägelchen, die aus dem vorderen Taunus hierher gekommen waren, sich am Ende des Zuges anreihten, kannte der echte, von Herzen kommende Jubel keine Grenzen.
Die Gaststätte „Nassauer Hof“ war bis kurz nach der Jahrhundertwende die Narrhalla der Käwwern. Dort wurden alle Veranstaltungen abgehalten. Kaewwern 1901

Nach dem Bau einer Turnhalle durch die Turnerschaft 1860 Heddernheim zogen die Käwwern dann in den größeren Saal um.

Die Entstehung der Garde

Für den närrischen Regenten, der mit seinem Prunkwagen die Hauptgruppe des Fastnachtszuges darstellte, war die Aufstellung einer Prinzengarde erforderlich, die meist aus gedienten Soldaten zusammengestellt und eigens für die Fastnacht geschult würden.
Im Jahr 1890 zogen die Käwwern zum ersten Mal vom Hauptbahnhof aus durch die Stadt Frankfurt, wie der Chronist Jean Müller berichtet:
„Mit den Jahren entwickelte sich die sogenannte Rekruteneinholung immer mehr. Im Jahr 1890 zogen wir zum ersten Mal vom Hauptbahnhof aus durch die Stadt Frankfurt. Das war für die Stadtkinder ein noch nie da gewesenes, Viele rannten sogar bis zum Diakonissenhaus der Dampfeisenbahn, alias „Knochenmühle“ nach“.
Diese Rekruteneinholungen wurden stets am Fastnacht-Sonntag abgehalten und bildeten den Auftakt zu den drei närrischen Tagen. Am Eingang des Ortes wurden die Rekruten oder was die Abzuholenden darzustellen hatte, vom närrischen Magistrat in huldvollen Reden empfangen. Darauf gaben einige der Ankömmlinge Antwort und dann ging es mit großer Kapelle durch die Straßen Heddernheims. Am „Nassauer Hof“ war dann die Vereidigung der närrischen Garde.

Prinzengarde Heddemer Käwwern 1910

Käwwern im 20. Jahrhundert

Es wechselten die Vereins-Präsidenten, aber die Fastnacht wurde gefeiert, wie es die Tradition gebot. Im Oktober 1904 feierten die Käwwern ihr 25-jähriges Jubiläum in kleinem Rahmen, zwar 3 Jahre zu früh, aber sie feierten
Erst der 1. Weltkrieg unterbrach das närrische Treiben und auch in den Folgejahren wurde es etwas ruhiger in der Fastnacht. Es gab zwar Damensitzungen, Maskenbälle und den „Rosenmontags-Rummel“, aber keinen Fastnachts-Zug als Höhepunkt der Klaa Pariser Fastnacht.
Das 40-jährige Vereinsjubiläum fand seltsamerweise im Sommer des Jahres 1923 vom 7. – 9. Juli statt, verbunden mit 25-jähriger Fahnenweihe und Einweihung einer neuen Fahne.
Es war die Zeit der Inflation in Deutschland und die Preise und Kosten wuchsen von Tag zu Tag von Tausend über Zehntausend bis zu Millionen.
Mit den Jahren hatte sich inzwischen ein kleiner Fonds angesammelt und man konnte wieder an einen Fastnachtszuges denken.
1928 war es dann soweit. An einem schönen Fastnachts-Sonntag wurde zuerst das Festspiel „Die erste vernünftige Völkerbunds-Sitzung“, verfasst von Bernhard Barz und Hermann Libbach, aufgeführt und dann der Fastnachtszug gestartet. Laut Chronik von Jean Müller waren ca. 40000 Zuschauer in die Narren – Metropole Klaa Paris gekommen.

Bild_Klaa_Paris_1928-2 Bild_Klaa_Paris_1928-1

Auch 1929 gab es ein Festspiel und einen Fastnachtszug. In diesem Jahr entstand übrigens in Frankfurt der 1. Fastnachtszug.
Die Käwwern ließen sich dadurch nicht abschrecken und machten ebenfalls den Zug, nur etwas später. So konnten Zuschauer des Frankfurter Zugs auch noch unseren mit ansehen.
1932 war das Jahr des 50. Vereinsjubiläums. Wegen der damaligen schlechten Wirtschaftslage und der Zeit der Arbeitslosigkeit wurde das „Goldene Jubiläum“ nur bescheiden gefeiert. So begnügte man sich mit einem akademischen Akt mit anschließender Gala-Fremdensitzung. Als 1933 der große Umbruch mit all seinen Gesetzen, Auflagen und Gleichschaltungen kam, blieben auch die Käwwern nicht davon verschont. Der Vorstand musste umgebildet und ein neuer Präsident gewählt werden. 1933 und 1934 fanden wieder Festspiele und Fastnachtszüge in Heddernheim statt. 1935 wurden nur die üblichen Sitzungen und der beliebte Rosenmontagsrummel veranstaltet. Für das Jahr 1936 war wieder ein Fastnachtszug geplant, jedoch die Ausgabe der Käwwern-Zeitung erregte bei den Orts- und Parteibehörden starkes Missfallen.

Heddemer Käwwern Zeitung 1936 Schutzhaftbefehl

Die Zeitung wurde beschlagnahmt und die Verantwortlichen verhaftet. Der bereits zum größten Teil fertig gestellte Zug wurde verboten. Hierauf beschafften sich alle Karnevalisten Landauer und sonstiges Fuhrwerk und fuhren, schwarz gekleidet und mit umflortem Banner nach Oberursel, um am dortigen Fastnachtszug teilzunehmen.
Die „100jährige Fastnacht in Heddernheim“ wurde mit einem Riesenprogramm an Sitzungen, Bällen, der Inthronisation des Prinzenpaares und einem herrlichen Fastnachtszug gefeiert. Es war eine Höchstleistung der Käwwern und des närrischen Volkes von Klaa Paris und ein durchschlagender Erfolg.

100 jaehrige Fastnacht Heddernheim  100 jaehrige Fastnacht Heddernheim

Doch alle närrische Freude endete jäh mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges im September 1939. Es war das Ende für die Fastnacht.
Als die „Heddemer Käwwern“ sich nach Kriegsende zaghaft wiederfanden, entschloss man sich, die fastnachtliche Tradition wieder aufleben zu lassen. Und so stiegen im Januar und Februar 1946 erstmals wieder Sitzungen in kleinen, bescheidenen Rahmen. Da keine großen Säle vorhanden waren, wurden die Veranstaltungen zur gleichen Zeit, einmal im „Deutschen Michel“, heute „Klaa Pariser Hof“ und im „Nassauer Hof“ abgehalten. Das bedeutete für die Vortragenden, dass sie von einem Lokal zum anderen wandern mussten, um das gleiche Programm an zwei verschiedenen Stellen darbieten zu können.
Die erste närrische Veranstaltung fand übrigens am 13.1.1946 in der Kantine der VDM statt. 1947 konnte man dann in einen etwas größeren Saal ziehen. Es war das Kultur- und Volkshaus in der Hessestraße. Da dieses Haus der damaligen KPD gehörte, nannte man es im Volksmund ganz einfach „Kreml“. Das Gegenstück stand im Zeilweg, gehörte der Kolping-Familie und wurde „Vatikan“ genannt. Im Jahre 1949 am Fastnachtsonntag, zog dann der erste Fastnachtszug nach dem Krieg durch die Straßen von Klaa Paris.

Fastnachtsonntag 1949

Eine Fremdensitzung beendete dieses Tag und der Rosenmontagsrummel die närrische Saison. Doch die eigentliche Jubiläumsfeier fand am 11.11.1949 statt. Im Kultur- und Volkshaus (Regierungsbaracke) wurde eine närrische Bürgerversammlung abgehalten und die „Närrische Freie Reichsstadt Klaa-Paris“ ausrufen. Die Stadt gab sich eine eigene Verfassung und wählte ihren närrischen Magistrat mit Henry Schwab als Bürgermeister.

111. Heddemer Fassenacht

Die Saison 1950/51 begann mit einer Eröffnungssitzung am 11.11.1950 in der wieder aufgebauten Turnhalle der Turnerschaft 1860 Heddernheim. Sowohl beim Aufbau wie auch beim Festzug der Turnerschaft hatten sich die Käwwern zahlreich beteiligt. Die Turnhalle ist bis heute die Narrhalla der Heddemer Käwwern.

Nicht unerwähnt darf auch die närrisch „Historische Kommission“ bleiben,
die sich 1971 ins Leben rief und zur Aufgabe stellte, den alten bereits in der Antike bekannten Ort aus dem Schatten der Großstadt Frankfurt herauszuziehen und ihn seiner Bedeutung gemäß herauszustellen. Im ersten Jahr konnte eine Gedenktafel enthüllt werden und zwar die von „Hector Andreas Sauer“, dem Erfinder des Sauerkrauts, der hier geboren wurde. In den nächsten Jahren folgten berühmte Persönlichkeiten wie:

Frau Annette-Ursula Appel, bekannt auch als „Frau Rauscher“, dann folgte 1975 Fräulein Grete Barz als das „Gretchen“ aus Goethes Faust, hier fiel sogar der Baedeker darauf herein, der es als Sehenswürdigkeit in seinem Frankfurter Reiseführer 1976 anpries.

1976 gelangte dann Balthasar (Balzer) Krepp als Erfinder der Kreppsohle, des Kreppels und des Krepp-Papiers zu Ruhm und Ehren. Danach folgen: Friseur Peter R. A. Strubel als „Struwwelpeter“ (1977), Helene Fromm als „Fromme Helene“ (1978), dann wurden römische Ausgrabungen vorgeführt, der „goldene Elefant“ (1979) und die „Grie Soß“ (1980). Initiatoren dieses Spaßes waren W. Nast und Heinz Müller.

Große Jubiläen feierten die Heddemer Käwwern 1981/1982 – 100 Jahre, Schirmherr der damalige Oberbürgermeister Dr. Walter Wallmann und 2006/2007 – 125 Jahre, Schirmherrin Oberbürgermeisterin Petra Roth.

Bis zum heutigen Tage entfalten die Heddemer Käwwern ein reges Vereinsleben und sind als Mitträger ein fester Bestandteil der Klaa Pariser Fastnacht.